Amtswahnsinn, Kostenlosigkeit, Migration

By | 7. Januar 2016

Ein Lächeln kostet nichts; auch Freundlichkeit kostet nichts. Im Gegenteil: Man gewinnt sogar, weil statistisch die Wahrscheinlichkeit groß ist, Gleiches zurück zu bekommen. Und dabei spielt es keine Rolle ob Du Deutscher oder Migrant bist.

Ich betreue zurzeit einen sehr netten und freundlichen Mann. Er kommt ursprünglich aus Syrien und lebt nun seit fast zwei Jahren mit seiner Frau und seinen Kindern hier. Er hat einen hier anerkannten Doktorgrad im Bereich der Ingenieurswissenschaften und verbessert bei uns seine Deutschkenntnisse, die wirklich schon recht gut sind. Aber er möchte sich weiter verbessern und hofft einen Job zu finden, wobei ich ihm helfe.

Migration

Bei seinen Kindern läuft die Aufenthaltserlaubnis aus und ich begleitete ihn zum zuständigen Ausländeramt. Das Problem dabei ist, dass die syrischen Pässe der Kinder ablaufen sind. Ohne diese bekommt man lediglich die sogenannte Fiktion, die man mindestens alle 6 Monate erneuern lassen muss. Eigentlich könnte alles sehr einfach sein. Er muss nur nach Berlin fahren und die Pässe in der syrischen Botschaft verlängern lassen.

Ich fragte ihn, warum er das nicht tut und er antwortete mir sinngemäß Folgendes:

In Syrien musste er damals umgerechnet € 5,- für diese Verlängerung zahlen. Hier in der syrischen Botschaft (Berlin) werden € 450,- von ihm pro Pass verlangt. Er könnte sich dieses Geld von seiner Familie leihen, aber er möchte das generell nicht bezahlen. Er fürchtet, dass von diesem Geld, sein Volk weiter von diesem kriminellen Regime unterdrückt werde. Dazu käme, dass man in der syrischen Botschaft regelrecht verhört werde. Dort würde man wissen wollen, warum ein so gut qualifizierter Mensch seine Heimat verlassen habe. Er hat noch Familie und Eigentum in Syrien und er befürchtet im schlimmsten Fall, dass man diese dort gängeln könnte, vielleicht sogar enteignen.

Er sprach viel von den „Verbrechen“, die in seinem Land stattfinden; vom Konflikt mit dem Iran. Vom Terror des IS und der Schande, die diese über den Islam bringen. Er wolle unbedingt wieder in seine Heimat, wenn der Krieg vielleicht einmal beendet ist. Er möchte dann helfen, sein Land wieder aufzubauen. Er sei sehr dankbar für alles, was er hier in Deutschland bekommt. Sein großer Traum ist es, hier wieder für eine große Firma als Ingenieur arbeiten zu können; und vielleicht möchte diese Firma sich nach dem Krieg mit seiner Hilfe am Wiederaufbau in seinem Land beteiligen.

Amtswahnsinn

Ich begleite ihn also zum kommunalen Ausländeramt und jetzt beginnt etwas, was gar nichts mit Migration zu tun hat (das hoffe ich zumindest). Ich habe massiv den Eindruck, dass hier alle Grundregeln der Etikette gegenstandslos sind (von „wertschätzend“ gar nicht zu sprechen). Die „normalste“ Form der Kommunikation hier, war das „Guten Tag“.

Wir standen also vor dem Zimmer, in dem wir uns, ausgehend von seiner Einladung, melden sollten. Da niemand zu sehen war, klopften wir an die Tür und als sich niemand meldete, öffneten wir die Tür und schauten herein. Als erstens „schrie“ uns ein Mann an, ob wir nicht lesen könnten. Erst da bemerkte ich einen kleinen Zettel an der Tür, dass man zu einem anderen Zimmer gehen sollte.

„Gehen Sie dahin und warten Sie auf mich!“, vermittelte uns dieser professionelle Kommunikator. Wir taten, wie Geheißen. Nach ca. 15 Minuten wurden wir von einer ebenfalls unfreundlichen, aber zumindest nicht schreienden, Frau herein“gebeten“. Man merkte schnell, dass diese Frau nicht hier war, um mit jemanden zu kommunizieren. Sie wollte nur den Namen für ihren Computer und von uns erst einmal nichts wissen. „Sie wollen also die Aufenthaltserlaubnis für Ihre Kinder verlängern. Ich brauche dafür den Jobcenterbescheid und die gültigen Ausweise ihrer Kinder.“ Wir legten beides vor und sagten direkt, dass die Ausweise immer noch abgelaufen seien. Er versuchte zu erläutern, warum diese noch nicht verlängert wurden. Ich war ja dabei um herausbekommen, ob es noch andere Möglichkeiten für ihn gäbe. Dies alles war uninteressant für diese Mitarbeiterin. Sie begann stattdessen ein Verhör mit meinem Klienten. Warum er es nach zwei Jahren immer noch nicht geschafft hätte, die Ausweise zu verlängern. Sie schaute in den Computer und sagte ihm: „Sie haben doch einen Bruder hier! Der soll Ihnen das Geld für die Passverlängerung geben!“ Es klang wie ein Befehl.

Deutsch sein – Hurra!

In mir selber begannen sich Emotionen bemerkbar zu machen. Zum einen war ich als Deutscher über das Verhalten und die Art dieser deutschen Frau peinlich berührt. Zum Anderen fühlte ich mich selber auch sofort in die Rolle gedrängt, in der sich mein Klient befand. Unterdrückt, Unterworfen – es wurde hier verbal und nonverbal ein ganz klares Rollenverständnis diktiert. Ich überlegte lange, ob ich meine Rolle radikal ändern wolle; wollte aber auch nichts sagen, was meinem Klienten zu Nachteil gereichen könnte. Vor allem aber, machte es hier keinen Sinn, mit dieser Frau über Angelegenheiten zu diskutieren, die völlig außerhalb ihrer Realität lagen. Sätze wie „Das geht nicht! Das ist nicht meine Zuständigkeit! Da kann ich nichts für!“ folgten von ihr.

Am Ende wollte sie, dass mein Klient eine Anmerkung unterschreibt, in der zum Ausdruck gebracht wurde, das er keine Passverlängerung für seine Kinder machen WOLLE. An dieser Stelle wurde ich dann lauter und vermittelte ihr, das mein Klient dies auf keinen Fall unterschreiben würde. Nachdem ich sie dann mehrfach gebeten hatte, halbwegs freundlich zu bleiben (sie antwortete stets, dass sie das doch sei) diktierte ich ihr den Text, den wir bereit waren zu unterschreiben. Sie bestand dann wohl noch darauf, dass ich auch unterschrieb.

Wärend wir dann vor ihrem Büro auf die verlängerten Fiktionsbescheinigungen warten mussten, erzählte mir mein Klient, wie schlecht er sich jedes Mal fühlte, wenn er mit diesen Ämtern zu tun habe. Er verstehe sich nun mal als Gast hier und sein Respekt und seine Ehre verbieten es ihm, selbstbewusster aufzutreten. Wir reden hier über einen Menschen, der fast 20 Jahre in leitender Position in einem großen Technikunternehmen gearbeitet hat.

Auch wenn hier mit diesem kleinen Text schon am Ende bin, gibt es noch diese eine Seite in meinem Kopf, die folgendes denkt:

Diese Mitarbeiter(Innen) werden von meinen Steuergeldern bezahlt. Sie haben eine Aufgabe zu erledigen, für die sie ein Gehalt erhalten. Auch wenn dieser Job oft auch hart sein kann, darf das dennoch kein Grund sein, den grundlegenden Respekt anderen Menschen gegenüber aufzugeben. Alles was man sagen kann, kann man halbwegs freundlich sagen. Ich frage mich, ob hier Werte vermittelt werden, die es sich zu schützen lohnt?

Also, wenn manche guten Deutsche der Meinung sind, dass es Menschen gibt, die nicht grundsätzlich das Recht haben hier zu leben:

Dann wüsste ich schon welche!

Falls irgendjemand, der das hier liest, vielleicht weiß, wie ich meinem Klienten helfen kann, ohne dass dieser zur syrischen Botschaft muss, wäre ich sehr dankbar.