Sind Sie Konstruktivist?

By | 5. Dezember 2015

Na? Sind Sie einer, ein Konstruktivist? Wie bitte, was soll das denn sein? Ich gestehe: In philosophischen Gesprächen behaupte ich gerne, ich wäre einer. Was aber nicht heißt, dass ich genau weiß, was das ist. Eigentlich fühle ich mich ja als Systemiker. Doch das klingt noch seltsamer …

Der Wissenschaftstheoretiker Matthias Varga von Kibed macht das schlauer. Es sagt von sich: „Ich denk systemischer!“ Als wer? Nein, nicht als wer! Ich denke systemischer als noch zuvor.

Doch zurück zum Konstruktivisten. Was könnte solch einen Menschen ausmachen? 

Manche meinen, jener sei sich darüber bewusst, dass er nicht die Wirklichkeit an sich wahrnimmt, sondern sich lediglich ein Bild von ihr konstruiert. (Und warum ist, am Rande gefragt, der Konstruktivist männlich und die Wirklichkeit weiblich?)

Die moderne Gehirnforschung bestätigt dies. Irgendwie ist das schon in die Grundlagen wissenschaftlichen Denkens eingegangen, nur die wenigsten wissen das. Kritiker entgegnen, dies sei ein logischer Widerspruch: Die Theorie des Konstruktivismus wäre dann ja auch konstruiert.

„Ja, genau, das ist ja der Punkt!“, so die Befürworter, „das ist das Wesen des Konstruktivismus.“

Dabei geht es gar nicht darum, ob wir Wirklichkeit spiegelnd wahrnehmen oder konstruieren, sondern um die Unbeantwortbarkeit dieser Frage an sich. Das ist (für mich) Konstruktivismus.

Wir reden von zwei sehr unterschiedlichen Vorannahmen über das Wesen unserer Erkenntnisfähigkeit, welche weitreichende Konsequenzen auf konkretes Verhalten haben. Heinz von Foerster schrieb einmal: „Der Anspruch an eine objektive Wirklichkeit ist die Forderung nach absolutem Gehorsam.“

Das ist radikal! Deshalb sprechen manche auch von „Radikalem Konstruktivismus“.

Ernst von Glasersfeld zeigte, wie man sehr einfach feststellen kann, ob man Konstruktivist ist:

  1. Ist Mathematik erfunden oder entdeckt worden?
  2. Wurde Sprache entdeckt oder erfunden?

Kostruktivisten gehen davon aus, das obige Begriffe, bzw. alles erfunden sei. Ohne Individuum keine Mathematik, keine Sprache.

Ein Kerngedanke des Konstruktivismus ist, dass Menschen autopoietisch funktionieren. Sie sind geschlossene Systeme. D. h., man kann keinerlei Information in sie „hinein tun“ oder aus ihnen herausholen. Man kann sie lediglich „stören“. Und ich fühle mich oft gestört …

Nehmen wir mal als typische „Information“ das Sprechen: Meine Lippen, Stimmbänder usw. modulieren Schallwellen. Diese breiten sich physikalisch berechenbar durch die Luft aus, treffen eventuell meine Ohren. Mein Gehirn (also ich) formt daraus Informationen in Abhängigkeit seiner (meiner) inneren Struktur. Das, was der Sender dieser Schallwellen intendiert hat, und das was ich (also mein Gehirn) daraus macht, kann sehr ähnlich sein; sehr häufig ist es sogar dasselbe, sonst wäre die Welt ja noch chaotischer, als sie mir ohnehin erscheint (und man muss für diesen Gedanken kein Phänomenologe sein).

Ein anderer Kerngedanke des Konstruktivismus ist, dass „autopoietische Systeme“ sich strukturell koppeln können. Das ist so ungefähr wie beim „Tanzen“. Wir können zwar keine objektiven Informationen austauschen, uns aber verbinden. Leider ist eine solche Koppelung das am wenigsten erforschte Wissensgebiet überhaupt. Es gibt da eine schöne Übung (entnommen aus dem Buch „Denk nicht an Blau“ von Jürgen Wippich), für die Sie zur strukturellen Kopplung nur noch einen Partner brauchen:

Man setzt oder stellt sich gegenüber und legt die Handflächen aneinander. Dann spricht man sich ab, wer zuerst führt. Der Führende vollzieht kreisende Bewegungen mit den Händen, und der andere folgt diesen mit seinen. Irgendwann wechselt man die Führung; später spricht man sich nicht mehr ab, wer führt und wer folgt. Manchmal stellt sich ein automatisches Führen und Folgen ein – man ist strukturell gekoppelt. Spannend, nicht wahr?

Da wir die strukturelle Koppelung nicht direkt messen können, beobachten wir in der Wissenschaft „Verhalten“, konstruieren daraus Thesen, Erklärungen und Folgerungen. Das nennen wir dann vielleicht Systemtheorie oder Gravitation oder Politik. Auf jeden Fall nennen wir dies ein Erklärungsprinzip (Gregory Bateson). Nun gut, manchmal bezeichnen wir dies auch als Wissenschaft, behaupten also zu wissen. Ist man sich aber darüber bewusst, dass man nicht weiß, sondern konstruiert, nennt man das „systemischeres Denken“. (Mit „man“ meine ich übrigens vornehmlich mich.)

Kommen wir zum dritten und für heute letzten Kerngedanken des Konstruktivismus: Wenn ein Konstruktivist weiß, dass er nicht die Wirklichkeit wahrnimmt, sie vielmehr konstruiert (für wahr nimmt), dann muss (sollte, kann, möchte, will) dieser auch die Verantwortung für sein Konstruieren übernehmen! Und das passt vielen Wissenschaftlern (Menschen) gar nicht.

Dies ist der eigentlich radikale Gedanke am Radikalen Konstruktivismus. Ich denke, wenn jemand so denkt, dann ist dieser wirklich (aber so richtig wirklich, also ganz in echt) radikal. Dann ist er ein radikaler Konstruktivist!

Dies bringt mich zurück an den Anfangspunkt. Bin ich selber also ein Konstruktivist?

Ja, indem ich mich dafür entschieden habe, häufiger konstruktivistischer zu denken. Aber bin ich schon soweit, radikal die Verantwortung für mein Konstruieren zu übernehmen?

Diese Frage ist zu persönlich, als dass ich sie öffentlich beantworten möchte …

Und Sie, sind Sie Konstruktivist?