Über die Neutralität von Moderatoren, Supervisoren und Leitungen

By | 16. Dezember 2015

Über ein systemisches Xingforum bin ich kürzlich auf folgenden Beitrag gestossen:

Die Landkarte der Veränderung

Unter anderem folgende Passage fesselte meine Aufmerksamkeit:

1. Der Moderator steht in einem neutralen Verhältnis zu allen Teammitgliedern.
2. Der Moderator taucht selbst in keiner Landkarte auf.
3. Der Moderator kann emphatisch auch auf heikle Themen eingehen.
4. Der Moderator kennt sich mit der Methode aus, hat Coaching-Erfahrung und hat im besten Fall Erfahrung mit dieser Thematik/Methode.

Besonders Punkt 2 hat es mir angetan. Warum sollte ein Moderator irgendeiner Methode auf keinen Fall auf solch einer Landkarte erscheinen? Immerhin ist er doch auf Zeit Teil dieses Teams, Teil dieser Landkarte.

Teammitglieder setzen vielleicht diverse Hoffnungen auf diesen Teamleiter und seinen Methoden, was zur aktuellen Landkarte gehören sollte. Wenn ein Coach oder Teamentwickler einen Auftrag von einem Team, oder dem Vorgesetzten erhält, entsteht ein neues Team auf Zeit. Ein Team zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass unterschiedliche Menschen an denselben Zielen arbeiten.

Im Rahmen solch einer Teamentwicklung ergibt sich damit fast immer ein Doppelziel:

  1. Die oder das Ziel(e) des Teams im Rahmen der Aufgaben und Verantwortlichkeiten
  2. Das jeweilige Ziele oder Ziele, für die die Teamentwicklung beauftragt wurde, um wiederum Punkt 1 zu gewährleisten

Bateson empfiehlt generell, sogenannte Doppelbeschreibungen zu benutzen. Beschreibungen aus einer Aussenposition heraus und Beschreibungen aus einer Innenposition heraus. Beide können / müssen verglichen werden. Beide haben gleichberechtigten „Realitätscharakter“ – also keine ist richtiger oder falscher, als die andere.

Vor allem in systemischen Denkweisen findet man den Anspruch, die absolutistische „Expertenposition“ eines Coaches, Beraters, Leiters oder Moderators im klassischen Sinne aufzugeben. Stattdessen auf Augenhöhe zu kommunizieren; die Teammitglieder als Experten ihrer eigenen Probleme und Kompetenzen wieder handlungsfähig zu machen. Selbstverständlich ist der Berater dann doch irgendwie wieder ein Experte, aber keiner mit einer alleinigen Deutungsmacht. Radikal ausgedrückt:

Der Moderator sollte vor allem Experte bezüglich seiner eigenen Person sein!

Das heisst, Experte darin, Rollen und Positionen leicht wechseln zu können; zwischen Innen und Aussen wechseln zu können; eigene Stärken und Schwächen zu kennen. Experte darin sein, Selbstorganisation anzuregen; alternative Realitätskonstruktionen vorzuschlagen und Einladungen auszusprechen, diese „auszuprobieren“.

Dies führt uns dann zu erweiterten Vorschlägen, bezüglich der Rolle eines Moderators:

  1. Der Moderator steht in einem allparteilichen Verhältnis zu allen Teammitgliedern, sowie zu den Zielen der Einzelpersonen, des gesamten Teams und der Organisation.
  2. Der Moderator taucht selbst in allen Landkarte auf.
  3. Der Moderator kann emphatisch auch auf alle Themen eingehen, sowie zwischen Innen- und Aussensicht wechseln und beides als gleichrangig allen Teammitgliedern gegenüber kommunizieren.
  4. Der Moderator kennt sich mit der Methode aus, hat Coaching-Erfahrung und hat im besten Fall Erfahrung mit dieser Thematik/Methode.
  5. Der Moderator kann „Defizite“ von Teammitgliedern als Lösungsversuche mit Preis definieren.
  6. Der Moderator kann sein eigenes Vorgehen transparent kommunizieren.

Wie denken Sie darüber? Kann ein Coach oder Moderator wirklich den Anspruch eines Experten mit Objektivitätsstatus leben und ist dies überhaupt gut im Sinne einer zieldienlichen teamentwicklung?