Von 1984 zu einer schnöden neuen Welt

By | 30. November 2015

Aktuell lese ich seit langem mal wieder „Münchhausens Zopf“ von Paul Watzlawick. Da gibt es ein schönes Abschlusskapitel, in dem es u. a. um die „Zukunft der Kommunikation“ geht. Interessant aus heutiger Sicht, wenn man bedenkt, das dieses schöne Büchlein von 1988 ist. In jenem Kapitel wird Neil Postman zitiert, der auf Huxleys „Schöne neue Welt“ Bezug nimmt:

„Huxley hat gezeigt, daß im technischen Zeitalter die kulturelle Verwüstung weit häufiger die Maske grinsender Betulichkeit trägt, als die des Argwohns oder des Hasses. In Huxleys Prophezeiungen ist der große Bruder gar nicht erpicht darauf, uns zu sehen. Wir sind darauf erpicht, ihn zu sehen. Wächter, Gefängnistore oder Wahrheitsministerien sind unnötig …“

Dies löste doch einige Gedanken in mir aus:

Die jetzt schon länger währenden Überwachungsskandale zeigen eindeutig, dass wir nicht nur darauf erpicht sind, den großen Bruder zu sehen; umgekehrt ist es auch der Fall: Die große Schwester NSA hat offensichtlich sogar ein extremes Interesse daran, uns zu sehen. Natürlich geht es dabei primär um die Aufrechterhaltung der Machtverhältnisse.

Systemisch muss immer eine Ausgewogenheit zwischen Homöostase und Morphogenese stattfinden. Das eigene System stabil halten, als auch sich den Veränderungen von Außen anpassen. Ich persönlich glaube nicht mehr an eine primäre Kontrolle politischer Instanzen. Beziehungsweise nur insofern, dass dies über wirtschaftliche Machtverhältnisse und Interessen geschieht. Wenn man die beiden düsteren Zukunftsutopien vergleicht, „1980“ und die „Schöne neue Welt“, dann scheinen beide Recht gehabt zu haben:

  1. Da wird die große Überwachung praktiziert, welcher die meisten von uns sich selber unterwerfen.
  2. Gegen die Revolution hilft in der „Schönen neuen Welt“ das Soma. Nur dass dies heutzutage unterschiedliche Namen trägt: Alkohol, Marijuana, Fernsehen, Crack, Crystal Meth, Internet und und und.
  3. Die Menschen werden regelrecht nach Klassen gezüchtet. Nur passiert dies nicht durch genetische Beeinflussung (noch nicht), sondern durch den wirtschaftlichen Adelsstand, in den wir (nicht) hinein geboren werden.

Aber noch mal zurück zum Umgang mit Technik, neuen Medien und Kommunikation: In „Münchhausen Zopf“ werden Thesen darüber aufgestellt, wie sich die Computertechnologien wohl zukünftig auswirken werden. Ohne auf alle diese Thesen im einzelnen einzugehen, wird hauptsächlich aufbauend auf „wir amüsieren uns Tode“ argumentiert. Und dies scheint uns unsere schöne neue Zukunft (heute Gegenwart) auch gebracht zu haben. Selbstverständlich sind das Fernsehen und die Social Media die radikalen Drogen von heute. Und das schreibt ein Junkie, nämlich ich. Aber bei solch düsteren Interpretationen wird oft vergessen, welche Chancen darin stecken und auch immer wieder zurückhaltend zum Vorschein kommen:

  • kollaboratives Arbeiten innerhalb der Cloud-Technologie: zwei Menschen können zeitgleich an einem Dokument von unterschiedlichen Orten aus Arbeiten
  • Verschwinden nationaler Grenzen in der Kommunikation mittels Skype & Co.
  • Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit von Daten, Informationen und Nachrichten
  • kommunikativer Austausch zwischen Menschen, die ohne diese Technologien nie zusammen gekommen wären
  • aus vielen Lesern wurden auch Schreiber (Blogger, Kommentatoren …)
  • Hobbymusiker können durch das Internet viel leichter zu einem Michael Jackson werden
  • der arabische Frühling (auch wenn es so aussieht, als ob wir längst schon im arabischen Herbst wären)

„Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern die Meinungen, die wir von den Dingen haben!“ (Epiktet)

Die technologische Entwicklung im Computerbereich fand und findet mit so einer unbeschreiblichen Geschwindigkeit statt, dass man schon fast glauben könnte, Aliens müssen uns diese Technologie gebracht haben (Stichwort „Men in Black“). Wenn ich überlege, wie ich mit meinen Freunden in den 80ern Programme aus Computerzeitschriften abgetippt hatte, nur um am Ende eines solchen Codes festzustellen, dass der Hauptspeicher des VC20 nicht über die erforderliche Menge an RAM verfügte. Oder meine sich beschwerende Mama mit ihrem „ihr sitzt immer nur vor diesem Computer, geht doch mal raus!“

Heute muss ich bei Mama und Papa

  • regelmäßig den Computer warten
  • überflüssige Programme deinstallieren
  • Viren entfernen, Updates installieren
  • Festplatten bereinigen
  • dafür sorgen, dass sie mit ihrem Smartphone ins W-LAN kommen
  • verhindern, dass Bilder meiner Kinder (also ihrer Enkel) bei Facebook veröffentlicht werden.

Bei der ganzen Technik scheint es dennoch bei den beiden zentralen Problemen zu bleiben:

  • Herrschende, auf Feudalismus und Elitentum basierende Machtverhältnisse, die scheinbar immer noch mit dem überholten Begriff des „Besitzes“ zusammenhängen, als Basis für eben diesen Machterhalt.
  • Und dem „wo Engel zögern“ Prinzip.

Mit ersterem setze ich mich immer wieder gerne dem Vorwurf aus, ein Linker zu sein.  Zweiteres wird immer noch nicht begriffen, womit ich mich als des Überheblichseins oute. Bin ich auch … aber nur ein bisschen. Einer meiner Dozenten während des Studium vermittelte uns immer wieder, er fände es schade, dass in der menschlichen Evolution zuerst der Daumen vor dem logischen Denken kam. Nach Jahren stelle ich fest, dass diese Aussage Blödsinn ist. Entschuldige bitte, Hans-Peter. Der Daumen als Konsequenz Werkzeuge entwickeln zu können, war wahrscheinlich auch die notwendige Basis für die Entwicklung des logischen Denkens. Aber es ist vielmehr die Weisheit der Engel, trotz vorhandener Möglichkeiten erst einmal zu zögern, bevor neue Technologien sofort universell eingesetzt werden. Man sollte der Erkenntnis doch vielleicht ein bisschen Zeit lassen, der Technik auch folgen zu können. Denn sonst könnten alle unsere Hoffnungen und Wünsche, welche auf dieser mangelnden Fähigkeit des Zögerns beruhen, wahr werden: die Matrix, der Terminator und die Surrogates.

Willkommen in den schnöden neuen Welt von 1984.