Epistemologie und Webentwicklung: Erkenntnistheorie und Webdesign

By | 9. Oktober 2015

Was haben Erkenntnistheorie und Webentwicklung, bzw. Internetseiten gemeinsam? Nichts, denken Sie? Aber tatsächlich wesentlich mehr, als man annehmen mag. Zu diesem Zweck wird es zunächst etwas trocken, falls Sie sich so gar nicht für Webseitenerstellen interessieren. Aber bleiben Sie vielleicht dennoch dran…

Wer bestimmt was ich wahrnehme?

Wir alle holen uns täglich mehr oder weniger Informationen aus dem Internet. Wir machen uns aber selten Gedanken darüber, wer oder was eigentlich bestimmt, wie eine Internetseite für uns aussieht. Sie meinen möglicherweise, dass die HTML- und CSS- Programmierung bestimmt, wie die Seite aussieht; aber das ist nur die halbe Wahrheit und genau da fängt die Ähnlichkeit mit dem menschlichen Wahrnehmungsapparat an. Es ist bei Internetseiten maßgeblich das “Auge” selber, in diesem Fall der Browser, der bestimmt, wie die Seite aussieht. Nur was der Browser versteht, kann er auch halbwegs so darstellen, wie es der Programmierer intendiert hat.

Aber schauen wir uns einmal den Grundaufbau eines html Dokumentes an und ziehen danach Schlüsse und Vergleiche mit der menschlichen Erkenntnis.

Eine solche Website kann aus unterschiedlichen Dokumenten bestehen: Da ist auf jeden Fall das HTML Dokument, höchstwahrscheinlich auch eine CSS Datei und vielleicht dazu noch Java- oder PHP-Dokumente. Für unsere Zwecke reichen jedoch die ersten beiden.

Ohne HTML Dokument geht es wohl auf keinen Fall. Ein HTML-Dokument besteht, und das ist super für unseren Vergleich mit der menschlichen Wahrnehmung, aus einem Kopf <head> und einem Körper <body>. Im Kopf stehen diejenigen Codes, welche dem Browser sagen, wie er etwas zu “verstehen”, bzw. darzustellen hat. Der Browser selber bestimmt, wie die Inhalte aussehen und der Code im Kopf hilft dem Browser dabei, das WIE umzusetzen. Die reinen Inhalte z.B. stehen im Körper, im Body.

Damit ich erreiche, dass der Browser etwas anzeigt, muss ich ihm mitteilen, WAS angezeigt werden soll, und WIE dieses Etwas angezeigt werden soll. Das WIE nennt man sinnigerweise auch Style oder Stylesheet. Dieses Stylesheet kann man im Code direkt zu unserem WAS schreiben, oder in einer zweiten Datei auslagern. Wenn man es auslagert, gehört es in den Kopf. Durch das Einbinden einer solchen CSS-Datei im Kopf sagen ich dem jeweiligen Browser quasi: “Hey Browser! ich möchte, dass Du meine Texte alle so aussehen lässt, wie es in der Datei “/css/style.css” beschrieben ist. Der Browser guckt dann in ebendiese Datei rein und wenn er “versteht” was da steht, setzt er das um. Da könnte z.B. drin stehen, dass alle meine “h1” Überschriften eine Größe von 20px haben sollen und grundsätzlich in der Farbe Rot dargestellt werden.

<style>h1 {font-size: 20px; color: red;}</style>

In meinem Körper muss ich alles, was als eine solche Überschrift dargestellt werden soll, nur noch mit <h1></h1> einrahmen, und das Ergebnis sollte meinem Wunsch entsprechen:

<h1>Überschrift</h1>

Im Kopf dieses HTML-Dokumentes sage ich dem Browser also, was er wie interpretieren soll, wo er sich Übersetzungen und Stilangaben herholen kann, wie mein Dokument reagieren soll, wenn meine Inhalte nicht oder falsch interpretiert würden, weil mich der Browser nicht versteht (z.B. beim Internetexplorer und neuerdingst immer mehr der Safari), wie meine Seite heißt, und welche Worte meine Seite beschreiben, damit ich gefunden werden.

Es bestimmt also nicht nur der Browser wie der Inhalt aussieht; es bestimmt also auch nicht nur der Programmierer (über den Server) wie die Inhalte aussehen; und genauso scheint es mit unserer Wahrnehmung zu funktionieren:

Watzlawick unterscheidet zwischen digitaler und analoger Kommunikation. Die digitale Kommunikation entspräche dabei den Worten die wir benutzen, während die analoge Kommunikation aus der begleitenden Körpersprache besteht. Die analoge Kommunikation ist dabei eine Form von Metakommunikation, weil diese bestimmt, wie ich den Code (die digitale Kommunikation) zu deuten habe. So kann ein Schimpfwort (Code, digital) zum Beispiel je nach begleitenden analoger Kommunikation (Stylesheet) zu einem Kompliment werden, oder umgekehrt.

Man könnte also sagen, dass die digitale Kommunikation dem html Code entspricht, während die analoge Kommunikation mein Stylesheet ist (css).

Um beide Aspekte aber interpretieren zu können, müssen Browser (Empfänger einer Kommunikation) und Server (Sender einer Kommunikation) dieselbe Sprache verstehen, den Code gleich oder ähnlich interpretieren können. Und dies sowohl für die html Techniken, als auch für die css Techniken.

Der Mensch ist jedoch sehr viel flexibler als Browser und Server. Selbst wenn ich den digitalen Code (z.B. eine Fremdsprache) nicht verstehe, kann ich aufgrund der Körpersprache zumindest besser raten, als dies ein Computer könnte.

Das alles kann man selbstverständlich nicht 1zu1 übertragen, aber es macht ein Grundproblem der menschlichen Kommunikation deutlich, an dem Philosophen schon lange rätseln:

Wir können bei der menschlichen Kommunikation eben nicht einfach von Sender und Empfänger sprechen, denn es ist stets der Empfänger, der gemäß seiner internen Struktur bestimmt, was kommuniziert wird. Der Sender kann möglicherweise wissen, was er sagen wollte (von Foerster); und der Empfänger kann nur wissen, was sein Gehirn daraus gemacht hat. Dazwischen gibt es nur Druckunterschiede in der Luft (Schall), Wellenlängen des Lichts, Moleküle zum Riechen und Schmecken), physischer Druck beim Fühlen.

Analog zur Website: Einsen und Nullen in der Leitung.

Wer sich weiter mit diesem spannenden Thema der Kommunikation auseinandersetzen möchte, findet hierzu sehr viel bei:

Heinz von Foerster

Heinz von Foerster: Biological Computer Laboratory