NLP – Was ist dran? Was ist drin?

By | 4. April 2016

1979 wurde das Buch Neue Wege der Kurzzeittherapie (Frogs into princess) von Richard Bandler und John Grinder veröffentlicht. Der Untertitel lautete in der deutschen Ausgabe “neurolinguistische Programme”. Selten wurde eine Methode so kontrovers diskutiert wie das NLP. Seit dem ist eine große Szene um diese 3 Buchstaben herum entstanden. Damit zogen auch die Marktschreier der Psychologie mit ihren markigen Sprüchen ein. Von den Einen himmlisch gelobt, von den Anderen verdammt. Doch was ist dran an diesen 3 Buchstaben? NLP! Wo liegt der Missbrauchsverdacht? Wo sind die Chancen? Und warum ist das Problem mit dem NLP vielleicht gar kein Problem des NLP im Besonderen? Darum geht es in diesem Artikel.

Wie kam es nun zur Entwicklung des NLP?

Fangen wir mal mit der typischen NLP Entstehungslehrgeschichte an: In den 70er Jahren fingen 2 Menschen an, ein Linguist und ein Mathematiker, ausgewiesene Psychotherapiexperten zu beobachten und zu analysieren. Die beiden stellten sich die Frage, was tun diese Drei im Rahmen ihrer Therapien, dass sie einen so guten Erfolg haben, vor allem, da alle drei sehr unterschiedliche Theorien vertraten. John Grinder und Richard Bandler schlussfolgerten messerscharf: wenn der gemeinsame Nenner nicht in den dazu gehörigen Theoriegebäuden zu finden ist, muss dieser folglich woanders zu suchen sein. Also beobachteten die beiden jene drei Experten bei dessen Arbeit: machten Video- und Audioaufzeichnungen und hörten und schauten sich das Material immer wieder an. Sie fanden einige Gemeinsamkeiten im beobachtbaren Verhalten Perls, Satirs und Ericksons.

Beschäftigen wir uns zunächst mit Frederic (Fritz) Salomon Perls. Er gilt mit seiner Frau Lore und John Goodman als der „Erfinder“, bzw. Begründer der Gestalttherapie. Eine deutscher, jüdischer Herkunft, der Medizin studierte und danach eine psychoanalytische Ausbildung genoss. Später in Südafrika, wo dieser eine Zeit lang praktizierte, entwickelte er eigene Ideen und wollte damit die Psychoanalyse bereichern. Als er seine Ideen und Konzepte Freud persönlich vorstellen durfte, reagierte jener jedoch ablehnend. Freud schien es generell nicht zu mögen, dass seine eigenen Theorien bereichert wurden. Perls nahm seine Ideen, ging in die USA, lernte dort John Goodman kennen und entwickelte das, was heute als Gestalttherapie bekannt ist.

Virginia Satir war eine amerikanische Sozialarbeiterin, aber vor allem vielleicht die maßgebende Kraft im Bereich der damals noch nicht wirklich existenten Familientherapie. Zunächst absolvierte sie eine gestalttherapeutische Ausbildung und arbeitete einige Jahre am Mental Research Institute (MRI) in Palo Alto, um anschließend ihre ganz eigene Form von Familientherapie zu entwickeln. In ihren Einzeltherapien stellte sie sehr häufig fest, dass ihre Klienten mit deutlichen Verbesserungen ihre Praxis verließen, und nach Kontakten mit ihren Familien wieder vermehrt Symptome zeigten. Also fing sie an die Familien direkt mit in die Therapie einzubeziehen. U.a. entwickelte sie die sogenannte Skulptur Arbeit und nahm damit eine ganz eigene Form von Familienaufstellungen zu einer Zeit vorweg, als Hellinger noch in Afrika im Beichtstuhl saß.

Zu guter Letzt, aber mit hochachtungsvoller Ehrfurcht, wäre dann noch Milton H. Erickson zu nennen. Will man etwas über ihn schreiben ist es unglaublich schwer sich kurz zu halten. Ich werde es trotzdem versuchen (und scheitern) und verweise auf die Literaturliste am Ende dieses Artikels. Erickson war ein amerikanischer Psychiater und Psychologe. Er gilt als der maßgebliche Begründer, bzw. Entwickler der modernen Hypnotherapie. Anstatt jetzt noch mehr über ihn zu schreiben, erzähle ich lieber zwei kurze Geschichten und belasse es dabei. (A) Ein Witz: Wie viele Hypnotherapeuten benötigt man, um eine defekte Glühbirne zu wechseln? Antwort: 10! Einen, um die Glühbirne zu wechseln und 9 die erklären, wie Erickson es besser gemacht hätte. (B) Einmal hatte Erickson einen neuen Patienten, der sich bei ihm vorstellte. Dieser leide an Depressionen. Er würde die ganze Last und das Elend der Welt auf seinem Rücken spüren. Erickson hörte gut zu. Zu diesem Zeitpunkt war Erickson schon an den Rollstuhl gebunden. Er rollte mit seinem Rollstuhl zu einem Schrank, um die dort befindliche Bowlingkugel zu holen. Sein Patient, welcher bemerkte wie anstrengend dies für Erickson war, wollte helfen, doch Erickson lehnte vehement ab. Irgendwann hatte er die Kugel in seinem Schoss, saß wieder gegenüber seinem Patienten, da riss er die Bowlingkugel unglaublich schnell hoch und warf diese auf seinen Gast. Die Bowlingkugel war in Wirklichkeit keine echte und somit viel leichter als erwartet. Sein Patient erschreckte sich selbstverständlich sehr. Darüber wurde dieser aus seinem aktuell depressiven Zustand herausgerissen und Erickson benutze die Bowlingkugel im weiteren Verlauf als Metapher im therapeutischen Prozess.

Das Modell NLP

Beobachtbares Verhalten

Was waren die Gemeinsamkeiten, die Bandler und Grinder an diesen drei besonderen Therapeuten zu bemerken glaubten? Alle drei schienen ein besonderes Talent zu haben, sehr schnell eine vertrauensvolle Beziehung zu ihrem jeweiligen Gegenüber aufzubauen. Sie taten etwas, und dieses war ihnen selbst vielleicht gar nicht so sehr bewusst, was man heute als Spiegeln bezeichnet. Sie glichen bestimmte ihrer eigenen Verhaltensweisen, dem beobachtbarem Verhalten ihrer Patienten an. Sie nahmen u.U. eine ähnliche Körperhaltung ein, sie passten ihren Sprechrhythmus, dem Sprechrhythmus ihrer Klienten, sogar dem Rhythmus ihrer Atmung an, sie benutzten eine ähnliche Art zu formulieren im Hinblick auf Repräsentationssysteme (wird später erläutert), und vieles mehr.
Bandler und Grinder sammelten diese Daten und sortierten sie. Sie bemerkten außerdem, dass alle drei in ihren unwillkürlichen Bewegungen eine gewisse ähnliche Systematik zeigten.

Unwillkürliche Bewegungen sind all die Bewegungen unseres Körpers, welche permanent stattfinden, uns aber in der Regel nicht bewusst sind. Also unsere Körpersprache. Bei Erickson bedeutete dies z.B., dass wenn er zum sogenannten „Bewussten“ einer Person sprach, er in eine andere Richtung schaute und sprach, als wenn er zu dem „Unbewussten“ einer Person sprach. Oder beispielsweise, dass Perls immer gewisse Handbewegungen machte, wenn sein Klient vielleicht von einer angenehmen emotionalen Begebenheit erzählte. (Ankern: wird später erläutert). Meines Erachtens mussten sie auch schon eine gewisse Lösungsorientierung an den Dreien bemerkt haben, da sich eine solche im sogenannten Meta Modell der Sprache wieder findet.

Weitere Einflüsse

Bevor ich auf die typischen NLP Modelle eingehe, schließlich ist alles bisher Geschriebene die Vorbereitung darauf und auf den anschließenden auch kritischen Diskurs, möchte ich noch zwei unterschiedliche (eigentlich drei) Einflüsse auf das NLP kurz skizzieren.

Da ist das Modell der generativen Transformationsgrammatik von Noam Chomsky. Dies stellt die Grundlage für das Meta Modell der Sprache dar. Ich persönlich habe nie wirklich verstanden, warum dies so besonders hervorgehoben wird. Sehr sehr einfach ausgedrückt besagt diese Theorie, dass unserer Sprache zwei Bereiche zugrunde gelegt werden können. Die Oberflächenstruktur und die Tiefenstruktur. Die Tiefenstruktur entspricht sozusagen allem, was wir tatsächlich wissen. Also unser gesamter Erfahrungsschatz, unabhängig davon welche Teile uns davon bewusst sind, oder nicht. Die Oberflächenstruktur ist das, was wir halbwegs bewusst kommunizieren und somit quantitativ immer weniger als die Tiefenstruktur. Vielleicht ein sehr simples Beispiel: Ich besuche einen Freund. Seine Ehefrau macht mir die Tür auf. Ich frage: Wo ist Peter? Sie sagt: Peter ist hinten. Dies ist die Oberflächenstruktur. Da ich Peter gut kenne, bin ich im Besitz vieler Informationen über ihn. So weiß ich, dass mit „hinten“ seine Werkhütte im Garten gemeint ist. Ich gebe zu, dies ist ein sehr banales Beispiel. Deshalb noch ein Beispiel aus dem therapeutischen Kontext: Ein Mensch in einer depressiven Phase neigt dazu alles negativ zu sehen. Rückblickend sieht er ggfls. sogar sein gesamtes Leben als negativ. Aus einer neutralen Position heraus können wir feststellen, dass dieser Mensch sicherlich auch positive Momente gehabt haben muss, egal wie wenig diese auch gewesen sein könnten. Aber aus seinem derzeitigen Zustand heraus, filtert er lediglich die Negativerfahrungen. Dies entspricht der Oberflächenstruktur. Über meine Frage nach möglichen Ausnahmen dieser negativen Sicht, versuche ich ihn mit den gemachten positiven Erfahrungen wieder zu verbinden. D.h. die Tiefenstruktur entspricht allen gemachten Erfahrungen, während die Oberflächenstruktur gefiltert ist; ein Teil der Informationen ist getilgt worden. Eine durchaus gängige Vorgehensweise in der sogenannten Lösungsfokussierten Beratung nach de Shazer (übrigens ein Schüler Milton Ericksons).

Nun kurz zu Gregory Bateson. Bandler und Grinder betonten immer wieder, dass sie durch diesen Menschen sehr geprägt seien. Bateson war ein englischer, in den USA lebender (Kultur)Anthropologe. In meiner bescheidenen Meinung wahrscheinlich der bedeutsamste Wissenschaftler des 20ten Jahrhunderts. Für mich der letzte wirkliche Philosoph. Wie die Philosophen der Antike ein “Tausendsassa” der unglaublich interdisziplinär gearbeitet hat. Wichtig für unser Thema ist, dass dieser als einer der maßgeblichen Vorarbeiter für das gilt, was heute als Systemtheorie und Konstruktivismus bezeichnet wird. Es ist davon auszugehen, dass seine Denkweise die Bevorzugung des Prozesses gegenüber des Inhalts in das NLP einbrachte. Aber bitte! Bevor ich mich verrenne, recherchieren sie doch weiter über die Literaturangaben am Ende.

Das Modell NLP, weiter geht’s . . .

Denken wir uns einen Rahmen. Innerhalb dieses Rahmens stehen die sogenannten NLP Techniken. Der Rahmen selber ist so eine Form von Theoriegebäude und bestimmten Vorannahmen. Wir werden uns von innen nach außen vorarbeiten.

Die NLP-Techniken I

„Technik“ ist schon so ein Wort. Dieses Wort impliziert, dass es da etwas geben würde, als Technik bezeichnet, was jemand machen kann, und ein anderer reagiert darauf. Hört sich ja auch logisch an, wobei wir aber noch erörtern werden, warum dies tatsächlich ein streitbarer Begriff ist.

Rapport!

Klaus Grawe, ausgehend von seinen Psychotherapiestudien, stellt fest, dass eine der wichtigsten Bedingungen für das Gelingen von Veränderungsarbeit die gute Beziehung zum Klienten, vielmehr die gute Beziehung mit dem Klienten sei. Das Thema der guten Beziehung, im NLP Rapport genannt, ist eines der ersten Dinge, die man in einer NLP Ausbildung lernt. Der Begriff des Rapports kommt ursprünglich aus der Hypnotherapie. Bandler und Grinder behaupten, dass bei gelungenen therapeutischen Treffen, Klient und Berater sich in einer bestimmten Art und Weise einander angleichen. Damit ist gemeint, dass beide nach einer gewissen Zeit ggfls. eine ähnliche Körpersprache zeigen, ihren Sprechrhythmus aneinander anpassen, Gemeinsamkeiten in der inhaltlichen Wortwahl praktizieren. Daraus folgern die beiden, dass dies etwas ist, was der Berater aktiv tun kann um Beziehung zu erschaffen.

Dazu gehört zunächst Zuhören und Zusehen. Und dann nachmachen, aber bitte nicht nachäffen. Spiegeln (Pacing) nennt man dies. Spiegeln kann man jegliches beobachtbares Verhalten: Körperhaltung, bestimmte unwillkürliche Bewegungen, die Sprache begleitende Handbewegungen, den Atemrythmus, die Sprechgeschwindigkeit und ebenfalls -rhythmus, die Betonung. Mutmaßlich soll also das Nachmachen dafür sorgen, dass ein Gefühl von einer guten Beziehung, von Vertrauen entsteht. Nun, je nach Menschenbild kann man sich möglicherweise damit anfreunden.

Gehe ich davon aus, dass ein bisschen mehr zu einem guten Kontakt gehört, reicht dies freilich nicht. Das NLP steht ganz im Lichte des typisch amerikanischen Pragmatismus, und dafür reicht diese naive Vorgehensweise auch aus. Aber es gibt wohl etwas mehr, was zu einer guten Beziehung zwischen zwei oder mehr Menschen gehört.

Dies ist ein typisches Beispiel dafür, dass sehr häufig bei NLP Anwendern ein mechanistisches Welt- oder Menschenbild vorherrscht (Bateson würde sich im Grabe rückkoppeln). Das ist ein extrem gefährlicher Gedanke. Impliziert dieser doch, dass es da etwas gäbe, mit dem A Einfluss auf B ausüben kann. Funktioniert dann besagte Technik nicht, und gehe ich gleichzeitig davon aus, dass ich die Technik richtig angewendet habe, muss zwangsläufig der Fehler im Klienten liegen. Und dies ist eine Konsequenz, die meines Erachtens wohl die tödlichste für den Coaching Prozess ist – mit Auswirkungen auf Beziehung, Glaubenssätze und Selbstwertgefühl – damit können weitere zieldienliche Beratungsarbeit unmöglich gemacht werden. Manchmal ist man durch eine der NLP Vorannahmen davor beschützt, die dem Berater auch wieder einseitig die Verantwortung zurückgibt:

“Wenn du etwas tust und es nicht funktioniert, tue etwas anderes!”

(Solche NLP Vorannahmen, werden uns im weiteren Verlauf dieses Textes immer wieder begegnen. Sie stellen den notdürftigen Ersatz für eine durchdachte Persönlichkeitstheorie dar.)

Repräsentationssysteme

Die sogenannten Repräsentationssysteme nehmen in der Beziehungsarbeit im NLP und im ganzen weiteren Verlauf eine wichtige Rolle ein (und das ist auch gut so), Gott sei Dank auch deswegen, weil sie a) sehr umstritten, b) unglaublich einfach und logisch sind und c) weil hierbei auch die berühmt berüchtigten Augenbewegungen, oder auch Zugangshinweise genannt, ein große Rolle spielen. Machen wir es deshalb auch so einfach, wie es tatsächlich ist. Klammern wir einmal alle möglichen esoterischen und/oder spirituellen Sinne aus, dann verbleiben unsere alt hergebrachten 5 Sinne, oder, wie im NLP benannt, die Repräsentationssysteme (im Folgenden Rep.Systeme). Wir nehmen unsere Welt mittels sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken wahr. Die Fachwörter in der vormaligen Reihenfolge: visuell, auditiv, kinästhetisch, olfaktorisch und gustatorisch. Deshalb auch abgekürzt: VAKOG.

Unterschiedliche Menschen scheinen nun bewusst oder unbewusst unterschiedliche, bzw. Kombinationen von unterschiedlichen Repräsentationssystemen zu bevorzugen. Ganz simpel: den visuellen Typen oder den auditiven Typen, oder, oder.. Der visuelle Typ (V) wird natürlich in seiner Wortwahl auch visuelle Prädikate, Wörter nutzen. “Ich sehe da was auf mich zukommen. Das sieht doch ganz gut aus.” Im Unterschied zum “Fühltypen” (K), welcher “die ganze Last auf sich spürt” oder meint dass “es sich gut anfühlt”. Verstanden werde ich als Berater logischerweise eher, wenn ich die Sprache des Klienten beherrsche, und so sind diese vorgestellten Thesen durchaus sinnvoll.

Auch die Augenbewegungen des Klienten können Hinweise auf dessen bevorzugtes Rep.System geben. Bandler und Grinder “beobachteten” nämlich, dass es einen Zusammenhang zwischen den Augenbewegungen und dem bevorzugten Rep.System gibt. (Nebenbei erwähnt streiten sich die Erfinder heute darüber, wer es denn nun entdeckt hat. Na, Wer hat‘s erfunden? Nicht die Schweizer!) Häufig schauten deren Klienten nach oben rechts oder links, wenn sie sich visuelle Vorstellungen machten. Oder auch nach unten rechts oder links, wenn sie sich Gefühle oder den inneren Dialog innerlich zugänglich machen. Im Sinne des guten Rapports habe ich nun wieder einen neuen Aspekt, welcher mir Hinweise auf das bevorzugte Rep.System gibt und mich meine Angleichungen weiter angleichen lässt. Im NLP nennt man die Phase des Angleichens kalibrieren und dass, als ob der Prozess des Angleichens zwischen zwei Menschen jemals beendet sei. Lustiger weise gelten die Augenzugangshinweise als wissenschaftlich widerlegt. Was ich daran lustig finde, finden Sie womöglich auf meinem Blog.

So kurze Pause: Holen Sie sich mal nen Kaffee!

Kurze Bestandsaufnahme:

Sie wissen nun, dass sie zu einem Gegenüber eine gute Beziehung aufbauen können, indem sie diesen Menschen genau da abholen, wo er sich befindet. Sie spiegeln Aspekte seines verbalen und nonverbalen Verhaltens, passen sich auf diese Weise ihm oder ihr an, und wenn sie ein Fühltyp sind, haben sie bald das Gefühl auf einer Wellenlänge zu sein und im besten Fall hat dies ihr Gegenüber auch. Wir sind also soweit, dass große Veränderungsgeschäft einleiten zu können. Dafür muss man die grundlegendste Strategie und Veränderungsformel wissen. Sie können erst leaden (führen, verändern (als ob man das könnte, köstlich)), wenn sie vorher gepaced (im Gleichschritt gehen), also gespiegelt haben, eine gute Beziehung haben. Und Sie müssen wissen was ein “Problem” ist, bzw. wie es definiert wird. Das kann man bei so subjektiven Wesen wie wir am besten durch eine mathematische Formel darstellen:

Lösung = Problem + (bisher fehlende?) Ressource

Ja, ist ein interessanter Gedanke! Witzig wird es jedoch, wenn ich tatsächlich mathematische Implikationen anlege. Obige Formel umgestellt bedeutete:

Problem = Lösung – Ressource

Das geht ja noch, aber Sorry, aber ich kann nicht anders:

Ressource = Lösung – Problem

(Also, diese Formel ist tatsächlich nicht originär NLP Gedankengut, aber ich mache mich darüber so gerne lustig!)

Ohje, das ist shocking. Wenn Plus und Minus sich aufheben, heißt das dann, dass die Lösungserreichung bedingt, dass dann weder Problem noch Ressource vorhanden sind? Egal, ist sowieso Blödsinn. Aber diese einfache Formel, von erwachsenen NLP Trainern mir gegenüber kommuniziert (mit so einem wissenden Lächeln auf den Lippen) führt uns zum nächsten Thema: dem Ankern (anchoring), meinem Lieblingsthema.

Ankern

Wir müssen es also schaffen zu unserem vermeintlichen Problem eine Ressource hinzuzufügen. Glauben Sie mir, das geht tatsächlich, trotz, oder sogar wegen meines vermeintlichen ironischen Untertones.

Kennen Sie Pawlow? Das ist witzig. Das war doch der mit dem Hund, der Glocke und dem Speichelfluss (Iih, wie eklig). Immer wenn ich meinem Hund Futter hinstelle, und dieser es wahrnimmt, schlage ich eine Glocke an. Oft genug und zum richtigen Zeitpunkt getan, konditioniere ich meinen Hund, und zukünftig brauche ich nur noch die Glocke anzuschlagen, damit mein Hund mit dem Speichelfluss beginnt. Dies war der Anfang einer Erfolgsstory. Wirklich. Die Lerntheorie, die Basis für die Verhaltenstherapie, gipfelte in der kognitiven Verhaltenstherapie, welches die einzig, also die einzig wirklich wahre, also so wirklich wirklich wissenschaftlich anerkannte Psychotherapiemethode ist. Nicht so eine esoterische Richtung wie die Freud’sche Psychoanalyse – die den genialen Beginn der Psychotherapiemethoden überhaupt darstellt, sich jedoch als gutes egomanisches Verbrechen an der Menschheit herausgestellt hat. Übrigens mein eigener Hund scheint die Ausnahme zu sein, weshalb ich mich ärgere, dass ich ihn nicht Rantanplan genannt habe. Stattdessen heißt er wie ein riesengroßer Wurm.

Das Ankern, kommen wir zurück von meinem Egotrip und zum NLP, ist die Konditionierungsabkürzung. Was ist ein Anker, bzw. das Ankern? Die Theorie sieht folgendermaßen aus: Ich helfe Ihnen über geeignete Fragen, sich ein bestimmtes emotional belegtes Erlebnis wieder vorstellungsmäßig zugänglich zu machen. An dem Punkt, wo Sie sich intensiv dieses Erlebnis vorstellen, also so richtig “drin“ sind, berühre ich Sie an einer Stelle meiner/unserer Wahl. Mache ich dies genau zum geeigneten Zeitpunkt, oder wiederhole dies häufig genug, kann ich mittels meiner Berührung in Ihnen dieses Erlebnis wieder auslösen. (Hallo Daneel!)

Das freudige (nicht das Freud’sche) Ergebnis dessen ist, dass ich also nur noch über Fragen die passende Ressource finden muss, oder vielmehr mein Klient, diese ankere, und anschließend in den Problemzustand integriere, indem ich den Anker zum passenden Moment… wie sagt man? … auslöse, abfeuere (NLP Jargon), zugänglich mache. Hey, dies ist tatsächlich das ganze NLP, wirklich und eigentlich könnte ich jetzt aufhören. Aber wir gehen noch darauf ein. Am besten, Sie probieren dies einmal aus – genau jetzt:

Eine Übung (Sie sollen ja nicht nur passiv Ihre aufklärerische Neugier befriedigen):

Überlegen Sie mal, und stellen Sie sich vor: Wann waren Sie das letzte Mal in einem sehr angenehmen und positiven Zustand? Wo war das? In welcher Situation? Wer war daran beteiligt? Was gab es zu sehen, zu hören zu riechen? Versuchen Sie sich an dieses Erlebnis zu erinnern. Während Sie dies tun, halten Sie mit Ihrer linken Hand Ihr rechtes Handgelenk. Je mehr Sie sich diese angenehme Situation zugänglich machen, desto fester drücken Sie das Handgelenk. (Überlegen Sie genau, mit welchem Anfangsdruck Sie beginnen, damit Sie sich am Ende nicht das Handgelenk zerquetschen). Stellen Sie sich dieses angenehme Erlebnis möglichst assoziiert vor. D.h. genauso, wie Sie es damals erlebt haben und nicht sozusagen von außen zuschauend. Wie war dieses Erlebnis genau für Sie? Wo in Ihrem Körper waren diese angenehmen Gefühle? Im Bauch, in der Brust, im Unterkörper, im Kopf? Und wie fühlte sich dies genau an? War es ein Strömen, ein Fließen, ein Pulsieren, war es statisch oder dynamisch? Und je mehr Sie sich dieses schöne Gefühl zugänglich machen, je intensiver Sie es fühlen, desto stärker drücken Sie Ihr Handgelenk.

Und irgendwann sind Sie fertig damit und hören auf. In dem Maße, wie Sie aus diesem schönen Gefühl wieder herauskommen, desto geringer drücken Sie Ihr Handgelenk.

Nun lenken Sie sich ab und denken an was ganz anderes. Was haben Sie heute Morgen gefrühstückt? In welcher Hosentasche haben Sie Ihren Haustürschlüssel? Dies sind “Ablenkungs-” oder auch “hebe den Zustand auf” Fragen. (Im NLP Separator genannt)
Nehmen Sie nun wieder Ihr Handgelenk, so wie Sie es vorhin gehalten haben und beginnen Sie nun wieder den Druck zu vergrößern, so wie Sie es vorhin getan haben! Nimmt das Gefühl von vorhin nun zu?

Funktioniert es? Ja? dann setzen Sie dies doch zieldienlich in Zukunft ein. In welchem Moment Ihres Lebens könnten Sie ein mehr von ebendiesem Gefühl gebrauchen? Drücken Sie genau dann Ihr Handgelenk. Sind Sie womöglich doch eine Maschine? Vielleicht lag die “Matrix” völlig falsch. Es waren gar keine Menschen die als Batterien missbraucht wurden. Es waren in Wirklichkeit Roboter, die sich nur für Menschen hielten, die als Batterien missbraucht wurden. Oder hat es nicht geklappt? Dann haben Sie womöglich etwas falsch gemacht.

Sind Sie nun enttäuscht vom Ankern? Warum denn? Hat Einstein nicht gesagt, man solle alles so einfach wie möglich machen? Aber halt nicht einfacher. Ich selber habe gute Erfahrungen mit dem Ankern gemacht. Das geht echt wirklich, wenn auch nicht immer so, wie eben beschrieben.

Kommen wir aber zu anderen Aspekten des Ankerns. Selbstverständlich ist jedes Wort unserer Sprache im Grunde genommen ein Anker. Worte lösen Gehirnaktivität aus. Das Wort Ball ist bei mir eher mit einem Federball gekoppelt, während es bei Ihnen möglicherweise ein Volleyball ist. Eine bestimmte Stimm- oder Tonlage löst vielleicht angenehme oder unangenehme Erinnerungen aus. Ein Geruch versetzt uns zurück in Omas Küche. Oder erst bestimmte Musik? Eine zärtliche Berührung an bestimmten Körperstellen kann sagenhaftes auslösen, oder? Es ist halt nur nicht immer dieser eine Schalter, mit dem ich etwas programmieren möchte, auch wenn dieses Wort Bestandteil des NLP ist. Im Sinne der oben erwähnten “Formel” Lösung = Problem + Ressource kann ich Ankern als profundes Mittel in Beratungsgesprächen nutzen. Stellen Sie sich einmal vor was passieren könnte, würden Sie im Rahmen eines aktivierten Problemerlebens, sich genauso stark ein “Gegenteil” dieses Problems zugänglich, und erlebbar machen können. Stephen Gilligan spricht davon, Widersprüche (aus)halten zu können, und meint damit, Beides gleichzeitig zu erleben, ohne einen Widerspruch zu empfinden. Dies nennt man im NLP “cholapsing anchors”, oder auf Deutsch “Anker kollabieren oder verschmelzen lassen”. Gilligan nennt dies: “Hold the opposites!”

Reframing

Eine ganz andere Form des Ankerns wird im NLP Reframing genannt. Und an dieser Stelle sollten so ziemlich alle NLP Anwender vor Empörung rot anlaufen, da das Reframing als ganz eigene Technik im NLP bekannt ist. Es wird das Kontext- und das Inhaltsreframing unterschieden. Dabei gibt man einer Kommunikation einen neuen Rahmen, welcher u.U. deutlich vom intendierten abweicht. Wenn mein Chef scheinbar und ausschließlich mich mehr beäugt, als meine Kollegen, kann dies bedeuten, dass er mich auf dem „Kieker“ hat. Oder „reframed“: dass er von mir mehr hält als von den Kollegen und deshalb auch von mir mehr erwartet.

Also eine scheinbar gleiche Aussage, mit je verschiedener Bedeutung. Solche Umdeutungen können zum richtigen Zeitpunkt passiert deutliche Aha-Effekte (Hühner sendet mich hoch!) auslösen. Angeblich kam einmal ein wütender Vater mit seiner mutmaßlich promiskuitiven, pubertierenden Tochter zu Richard Bandler in die Sprechstunde und blökte “mit diesem Flittchen müssen sie unbedingt mal sprechen“. Bandler reagierte mittels eines Reframings: “Was? Sie bringen eine Prostituierte in meine Praxis?” Dies verwirrte den Vater unmittelbar.

Eigentlich sind Witze grundsätzlich Reframings, da sie althergebrachtes in einen ungewohnten (humorvollen) Rahmen umdeuten. Im beraterischen Setting kann man sehr gut mit solchen Umdeutungen arbeiten. Ich kann z.B. für eine vermeintlich negative Aussage über mich selbst, einen ganz anderen Kontext suchen, in dem diese Schwäche plötzlich zur Ressource würde. In welchen Situationen könnte ein “Kontrollzwang” eine gute Sache sein? Ängste sind doch grundsätzlich Bestrebungen, mich selber vor etwas zu schützen, oder? Ich denke, dass deshalb auch das Reframing mehr eine Ankertechnik ist, da ich ein komplexes Bewertungserleben umdeuten kann, und damit eine Ressource erschaffe, bzw. als solche erkenne und diese in den sogenannten Problemzustand einführe. Also “Anker verschmelzen”! Dies hört sich doch sehr nach einem Integrationsgedanken an, wie er zum Beispiel in der Gestalttherapie grundsätzlich ist.

Meta

Ich denke, dies ist der richtige Moment, um einmal ein bisschen in der NLP Meta Theorie herumzustöbern. Ein großer Kritikpunkt dem NLP gegenüber ist die Tatsache, dass dem NLP keine Persönlichkeitstheorie zugrunde liegt. Die NLPler reden sich dabei immer sehr pragmatisch heraus. „Wer heilt hat Recht!“ Machen ja nicht nur die NLPler, gell? Und das stimmt ja auch, aber ist im Sinne Einsteins vielleicht dann doch zu einfach. Nein, anders: Jeder Veränderungstechnik liegt eine Persönlichkeitstheorie zugrunde, ob als solche formuliert, oder nicht! Linguistisch bezeichnet man dies als Präsuppositionen. Ach, eines meiner Lieblingswörter.

Präsuppositionen sind (aus- oder unausgesprochene) Vorannahmen, die meinen Aussagen zugrunde liegen (müssen), damit jene wiederum einen Sinn machen (können). „Gott sieht alles!“ Damit diese Aussage einen Sinn bekommt, muss ich davon ausgehen, dass es diesen Gott gibt, obwohl dies nicht direkt gesagt wurde. „Willst du lieber jetzt, oder erst nachher den Müll rausbringen, Schatz?“ Implizit wird bei diesem Satz nicht mehr darüber diskutiert, dass der Müll auf jeden Fall von „Schatz“ rausgebracht wird. Unsere Politiker sind da leider überhaupt nicht so geschickt. Die sagen einfach ganz direkt: „Der Afghanistaneinsatz ist alternativlos!“, ohne mit uns darüber zu sprechen, warum dies so sein sollte. Und das NLP ist voll von solchen Präsuppositionen. Deshalb hat man dann auch die sogenannten NLP-Vorannahmen dazu erfunden. Und die zähle ich nicht hier auf, die können Sie sich selber heraussuchen. Erwähnenswert sind jedoch zwei bestimmte Aspekte, weil diese vor allem einen Bezug zu systemischen Sichtweisen herstellen, welchen ich so sehr im modernen NLP vermisse. Ökologie und Future Pace, was für mich übrigens dasselbe ist und ich hoffe, dass die meisten NLPler nun wieder schreien.

Die NLP-Techniken II

Kombination verschiedener Techniken

Richard Bandler schrieb in einem seiner Bücher, er hätte damals mit dem NLP die reinen “Wirkfaktoren” aus den komplexen Therapietheorien “herausdestilliert”. Und er bemängelte, dass viele NLPler nach ihm, diese zu hohe Komplexität wieder “hinten herum” reingeschmuggelt hätten. (Erst kürzlich wurde von Grinder und Pucelik zu diesem Thema ein Buch veröffentlicht.) Damit ist gemeint, dass die komplexeren NLP Techniken vor allem eine Kombination der bisher dargestellten sind. Dies soll einmal am Beispiel der sogenannten „Time-Line-Arbeit” transpiriert, Entschuldigung transparent gemacht werden.

Mal angenommen ich entdecke im Rahmen einer Beratungsarbeit, dass ein bestimmtes unangenehmes Gefühl im Hier und Jetzt, mit einer konkreten Erfahrung in der Vergangenheit zusammen hängt:

Ich kann dann den Klienten bitten sich imaginär eine Zeitlinie z.B. auf dem Boden liegend vorzustellen. Indem ich ihn verbal dabei begleite / anleite sich quasi auf dieser Zeitlinie in seine Vergangenheit zurückzubewegen, bis zu dem erwähnten Erlebnis, unterstütze ich ihn dabei, sich dies möglichst wieder mit allen Sinnen zugänglich zu machen. Diese Timeline hilft dann grundsätzlich als Metapher in Sinne dieses Denkmodells, fungiert aber auch als sogenannter “Bodenanker”, welcher repräsentativ für den Weg, als auch für diese konkrete Erinnerung steht. Am besagten Erlebnis angekommen kann ich den Klienten dahin führen, aus dieser assoziativen Situation herauszukommen, sich ganz bewusst neben diese Timeline zu stellen, und (dissoziativ) von außen auf diese Erlebnis zu schauen. Diese Intervention stellt zugleich einen verändernden Anker dar, ein Reframing, weil ich den dazugehörigen Rahmen verändere. Im Sinne der erwähnten Lösungsformel (Lösung = Problem + Ressource) begleite ich den Klienten dabei, Ressourcen für sich zu finden, die in der damaligen Situation hilfreich und zieldienlich gewesen wären. Finde ich diese, unterstütze ich ihn weiterhin dabei, (als “Erwachsener” auf sich selber als “Kind” schauend), dem “Ich” von damals diese gefundenen Ressourcen zugänglich zu machen, ihm diese Ressourcen zu geben. Immer dabei beobachtend, wie sich dieser Prozess auswirkt. Sind die Auswirkungen subjektiv positiv und werden als befriedigend empfunden, kann ich den Klienten wieder diese Timeline betreten lassen, imaginär wieder in die Position dieses kleinen Jungen von damals zu wechseln (Assoziation) und zu erleben, wie sich diese Situation nun anders anfühlt mit den aktualisierten Ressourcen. Läuft dies alles gut und wird dies als ausreichend empfunden, begleite ich den Klienten nun dabei, auf seiner Timeline wieder nach und nach in die Zukunft „zurück“ zu kommen. Dabei möglichst erlebend, was sich auf den Weg in die Zukunft durch die Veränderung der Kindheitserfahrung noch verändert (hätte) hat, bis ich mit ihm wieder im Hier und Jetzt bin, schauend / empfindend was sich dabei möglicherweise nun positiv verändert hat.

Dies ist eine sehr kurze Form der Timeline. Ich kann den Klienten nun im Rahmen dieses Modells auch in dessen imaginierte Zukunft begleiten, und ihn dabei erleben lassen, welche positiven Auswirkungen das Verändern der vergangenen Situation, vielleicht auch in seiner imaginierten Zukunft haben könnte.

Die Timeline kombiniert also unterschiedliche NLP Techniken miteinander: Rapport, Pacing – Leading, Ankern, Reframing, Imagination… . Bei Robert Dilts kennen wir eine ähnliche Technik, genannt Reimprinting.

Bei der Kombination verschiedener NLP Techniken sind dem Anwender im Grunde genommen keine Grenzen gesetzt. Deshalb stellen viele der neueren NLP Techniken für mich nicht wirklich “neue” NLP-Techniken dar. Eine der wenigen Neuerungen sind die sogenannten Submodalitäten Techniken, jedoch sind diese im Grunde aber auch nicht neu, sondern stellen eine Erweiterung des Ankerns dar.

Die dunkle Seite der Macht – macht aber auch nix

Macht ist meines Erachtend DAS unausgesprochene Thema hinter dem NLP und auch fast jeglicher Kritikansätze. Nun liegt dies sicherlich nicht am Modell selber, sondern im jeweiligen Anwender. In Büchern wird immer wieder berichtet, welch unglaubliche Erfolge so mancher mittels der NLP Techniken erzielen konnte. Oft wird dabei nicht sauber in Sinne erkenntnistheoretischer Grundlagen unterschieden. Mal angenommen, jemand würde mit Hilfe der NLP-Techniken, jemanden anderen dabei helfen, ein wirklich schwerwiegendes Problem für sich in kurzer Zeit zu lösen. Sofort stellt sich die Frage: Wer hat das Problem beseitigt? War ich es als Berater / NLP Anwender? War der Klient es, der schließlich etwas “in seinem Kopf” getan hat? War es die Technik, war es das NLP? War es der liebe Gott, der uns gesegnet hat?

Schaut man sich die markigen Sprüche an, mit denen manche NLP Anwender werben, bekommt man häufig den Eindruck, alles muss immer schneller gehen, man wird mit Magie “behandelt” und die garantierte Lösung in Kombination mit der schnellstmöglichen Zeit sind dabei wichtige Gütekriterien. Dadurch ist das NLP in ein ähnliches Fahrwasser gekommen, wie die Hypnose. Der NLP Anwender / der Hypnotiseur ist der -der es weiß-, der Fachmann, welcher im Unterschied zum Hilfesuchenden weiß wie es geht, oder den Schlüssel zur Lösung hat. Klingt, wenn auch provokativ, ja logisch. Hätte der Klient selber die Fähigkeiten und könnte diese nutzen, hätte er schließlich keine Probleme und würde nicht zu uns „Experten“ kommen.

Aber so einfach ist das nicht, denn solch naive, einseitige Zuschreibungen bergen die Gefahr des Missbrauchs. „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“. Immer mehr wurde einer der für mich wichtigsten Aspekte im NLP vergessen. In einer einfachen Aussage formuliert und als klassische NLP Vorannahme bekannt:

Wenn du etwas tust und es nicht funktioniert, dann tue etwas anderes!

Klingt banal und ist es auch.

Auch beim NLP wird heutzutage nur noch selten über Zusammenhänge gesprochen, die zugegebenermaßen auch in vielen anderen Theorien vernachlässigt werden. Wie ist der Zusammenhang zwischen Berater und Klient. Wer leistet welchen Beitrag? Wer ist für welche Aspekte verantwortlich? Ist der Berater für die Veränderung des Klienten verantwortlich? Schließlich bezahlt der Klient dafür! Der NLPler wird so zum Manipulator!
Größenwahn ist die Folge. Die Technik wird zur Ultima Ratio. [Achtung jetzt kommt ein Karton: konstruktivistische Formulierung:]

die von außen angebotenen Perturbationen werden eigenständig und autonom innerlich nur im Klienten umsetzt! Dies ist für uns Berater im schlimmsten Falle sogar ein guter Schutz gegen eigene Inkompetenz. Denn wenn mir etwas nicht so gelingt, wie ich es erhofft habe, dann liegt das entweder an der Unfähigkeit des Klienten, oder an der Unnützigkeit der Technik. Gott sei Dank – es liegt nicht an mir.

Es gibt aber noch ganz andere sehr dramatische Auswirkungen, die uns häufig nicht bewusst sind. Angenommen ich helfe jemand, sich von einem Problem zu befreien, unter welchem er jahrelang litt. Wir benötigten nur extrem kurze Zeit dafür – ganz im Sinne der NLP Schnelligkeit. Was mag dies im ungünstigsten Fall für Auswirkungen auf den Klienten haben. Da leidet der arme Tropf jahrelang, und die ganze Sache ist in Minuten erledigt? War er die ganzen Jahre zusätzlich zu seinem Problem einfach nur Doof? Die Lösung war doch so einfach? Wollte er in Wirklichkeit bisher nur nicht, wie Psychoanalytiker oft meinen? „Oh, sein Leidensdruck war noch nicht groß genug.“ Hinter all diesen Bemerkungen stecken zutiefst negative Menschenbilder.

Ein auch sehr oft als negativ empfundener Aspekt dem NLP gegenüber ist dessen Einsatz im Bereich des Verkaufs. Manche NLPler behaupten, wir Menschen strukturieren unser Denken, über die weiter oben beschrieben Techniken hinaus, in sogenannten Strategien. Quadrupel, abgeleitet aus der Mathematik (Tupel, bzw. in diesem Fall 4-Tupel). Damit ist gemeint, dass wir Menschen im Sinne unserer Denk- und Entscheidungsstrategien, häufig bestimmte “Reihenfolgen” in der Benutzung unserer Rep.Systeme einhalten.

Also, ich möchte ein Auto kaufen! Ich habe genug Geld, weiß ungefähr was ich haben will, lasse mich noch ein bisschen beraten und überlege eventuell zu kaufen. Bevor ich letztendlich die Kaufentscheidung treffe, könnte sich u.U. Folgendes in meinem Kopf anspielen (vielleicht teils bewusst, teils unbewusst): Ich stelle mir bildlich vor, wie ich in dem Auto sitze, fahre – stelle mir dann vor, welch coolen Klang dieses Auto doch hat, sage mir innerlich, wie geil das doch wäre dieses Auto zu besitzen, bekomme ein richtig gutes Gefühl.

Ein Verkäufer eruiert im Laufe des Verkaufsgespräches, wenn er gut ist, diese meine Entscheidungsstrategie – die sich wie folgt darstellen lässt: V = visuelle Vorstellung – Ae = innerliches Hören – Aid = innerlicher Dialog – K = gutes Gefühl – Strategie durchlaufen, jetzt wird gekauft. Der kluge Verkäufer, der meine Strategie erkannt hat wird zunehmend seine Sprachdarstellung meiner Entscheidungsstrategie anpassen. “Stellen Sie sich doch einmal vor, wie andere Menschen Sie in diesem Auto sehe würden und Sie dabei den satten Sound dieses Wagens hören und Sie vielleicht innerlich zu sich selbst sagen, wie cool das ist und dabei so ein richtig gutes Gefühl bekommen. Übrigens, soll ich schon mal den Vertrag vorbereiten?”

Dies ist ein sehr einfaches und oberflächliches Beispiel und das ganze kann u.U. viel dezidierter ablaufen. Sehr gute Verkäufer verhalten sich vielleicht eher unbewusst so, ohne dass sie es selbst merken. Natürlich muss eine solche Strategie sehr geschickt dargeboten werden. Ähnlich wie beim Spiegeln, aus welchem sehr leicht ein Nachäffen werden kann.

Ist es denn nun unethisch solche Verkaufsstrategien zu nutzen? Immerhin gibt es doch alle Infos dazu im WWW, und somit kann sich doch jeder schützen. Beantworten Sie sich doch, geneigter Leser solche Fragen selber.

Plädoyer für ein systemischeres NLP – besuchen Sie Europa, solange es dies noch gibt

Meine persönliche Kritik am NLP bezieht sich vor allen auf meinen Hintergrund des systemischen Denkens. Jedoch betrifft diese Kritik nicht ausschließlich das NLP, sondern viele andere therapeutische und beraterische Theorien und Modelle. Prinzipiell leitet sich jegliche Kritik aus einer naiven Erkenntnistheorie ab. Die Annahme einer allgemeingültigen Wahrheit, welche eben für alle gelten muss.

“Der Anspruch, dass es so etwas wie eine allgemeingültige Wahrheit gibt, ist die Aufforderung zum absoluten gehorsam!” (Ernst von Glasersfeld)

Die Beschreibung von individuellen oder Gruppensystemen, ist eine sehr komplexe Angelegenheit und kann niemals wirklich erfüllt werden. Wir sind jeweils Teil des zu beschreibenden Systems und können deshalb niemals den Anspruch erfüllen, der sich hinter den Begriffen von Wahrheit und Objektivität befindet.

Bernd Isert beschreibt dies sehr schön am Beispiel einer kinesiologischen Interventionen – dem sogenannten Muskeltest: Wenn ich als Berater einen Muskel beim Klienten als schwach teste, dann eine Intervention mache, danach denselben Muskel auf stark teste – kann ich dennoch keine Aussage darüber machen ob der Muskel des Klienten sich durch diese Intervention verändert hat, oder ob es mein eigener Muskel war, der schwächer geworden ist (mein Muskel, mit den ich den Muskel des Klienten teste). Im Beratungskontext habe ich es nicht objektivierbar mit dem Klienten System zu tun. Ich habe es grundsätzlich mit einem hybriden System, bestehend aus Klient und meiner Wenigkeit zu tun. Ob irgendwas, was wir da zusammen geschaffen haben, zieldienlich wirksam war, bestimmt allein der Erfahrungswert außerhalb der Beratungssitzung. Wie Varga von Kibed schreibt, beginnt die Arbeit erst NACH der Aufstellung (Arbeit).

Der große Anspruch des NLP scheitert letztendlich an einem Wahrheitsbegriff und der zu großen Komplexität von Systemen. Aber daran scheitern wahrscheinlich die meisten „Richtungen“ und Methoden. Es sind wohl nicht die Techniken, die wirken. Es ist wohl auch nicht der Berater, der wirkt.  Und zu guter Letzt ist es doch auch nicht der Klient, der wirkt.

Gregory Bateson hatte so seine Probleme mit dem Begriff des „Zieles“. Er hielt menschliches Bewusstsein für zu begrenzt, um die systemische Natur zu durchschauen. Der NLPler stürzt sich in seiner technischen Obsession pragmatisch auf die Ziele, „wo Engel zögern“. Bateson nannte eine solche Gesamtschau, die nicht nur einseitig durch die bewussten Prozesse stattfindet: Geist! (Mind) Ein für uns befremdliches Wort, obwohl hier nicht in seiner kirchlichen Bedeutung gemeint.

Es ist das System oder die Beziehung von Berater und Klient, und allem was diese mitbringen, und eben damit auch die Techniken, Methoden und Theorien, Geschichten. Und wenn das passt, dann  kann wirklich ein Wunder geschehen.

Literatur

Neue Wege der Kurzzeit – Therapie: Neurolinguistische Programme – Richard Bandler, John Grinder

KybernEthik – Heinz von Foerster

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?: Wahn, Täuschung, Verstehen – Paul Watzlawick

Grundkonzepte der Psychotherapie – Jürgen Kriz

Auf den Spuren ökologischen Bewußtseins. Eine Analyse des Gesamtwerks von Gregory Bateson – Wolfram Lutterer

Unbändige Motivation: Über NLP, schnelle Veränderungen und vieles mehr – Richard Bandler

Die Schatztruhe: NLP im Verkauf. Neue Wege und Übungen zum Erfolg – Richard Bandler, Paul Donner

Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners: Gespräche für Skeptiker – Heinz von Foerster

Klare Sicht im Blindflug: Schriften zur Systemischen Strukturaufstellung – Varga von Kibed